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Malerei

Abstrakte Kunst

Abstrakte Malerei entstand nicht plötzlich, sondern aus einem langen Wandel des Sehens und Denkens über Bilder. Der Text fragt, warum sich Kunst vom Gegenstand löste und weshalb Abstraktion heute Teil unseres visuellen Denkens ist. 

 Entstehung & Bedeutung

Abstrakte  Kunst ist keine Stilrichtung mit klarer Geburtsurkunde. Sie ist eher  ein Denkraum, der sich über Jahrhunderte vorbereitet hat und zu Beginn  des 20. Jahrhunderts sichtbar wurde. Wer nach dem „ersten abstrakten  Bild“ sucht, stellt meist die falsche Frage. Interessanter ist: Wann  begann Kunst, sich vom Gegenstand zu lösen und warum? 

Was bedeutet „abstrakt“?

 Der  Begriff leitet sich vom lateinischen „abstrahere“ ab: abziehen,  wegnehmen. Abstrakte Kunst zieht etwas ab, nicht die Welt, sondern ihre  sichtbare Erscheinung. Sie löst sich vom konkreten Gegenstand, ohne  zwangsläufig gegenständliche Erfahrung zu leugnen.

Abstraktion bedeutet nicht Beliebigkeit, sondern Konzentration:
auf Farbe, Form, Rhythmus, Fläche, Spannung.

Abstrakte Kunst ist keine Verweigerung der Wirklichkeit,
sondern eine andere Art, sie zu denken. 

Gab es Abstraktion schon vor der Moderne?

Ja, lange bevor es den  Begriff gab. In Höhlenmalereien finden sich neben Tierdarstellungen  abstrakte Zeichen: Linien, Punkte, Raster, Pfeile. Diese Zeichen sind  keine Dekoration. Archäologen und Anthropologen gehen davon aus, dass  sie Gedachtes, Erlebtes oder Gewusstes festhalten: Zählzeichen,  Wegmarkierungen, Rituale, Erinnerungen.

Besonders  interessant sind Felszeichnungen in den Drakensbergen im südlichen  Afrika. Dort finden sich lineare Strukturen, die heute oft mit modernen  Begriffen beschrieben werden: Netzwerke, Leitern, Ketten. Manche  Forscher sprechen von Darstellungen innerer Zustände oder ritueller  Erfahrungen. Der Vergleich mit DNA-Strukturen ist spekulativ, aber  aufschlussreich: Schon früh versuchten Menschen, Unsichtbares sichtbar  zu machen.

Abstraktion ist also viel älter als Perspektive. 

Warum wurde Abstraktion in der Moderne notwendig?

Bis  ins 19. Jahrhundert war europäische Malerei stark an Abbildtreue  gebunden. Perspektive, Anatomie, Lichtführung, all das diente einem  Ziel: die sichtbare Welt überzeugend wiederzugeben. Mit der Erfindung  der Fotografie verlor dieses Ziel seine Exklusivität. Malerei musste  nicht mehr beweisen, dass sie Realität imitieren kann.

Gleichzeitig  veränderte sich die Welt radikal: Industrialisierung, Großstädte, neue  Wissenschaften, neue Zeitbegriffe. Die Erfahrung der Moderne war  fragmentiert, widersprüchlich und verbunden mit dem Glauben, dass  mithilfe der Technik 

alles erreichbar sein wird.

Die Frage lautete nicht mehr: „Was sehe ich?“
Sondern: „Was erfahre ich?“

Paul Cézanne als Urvater der Abstraktion

Cézanne gilt nicht  zufällig als Schlüsselgestalt. Er wollte nicht mehr abbilden, sondern  „die Natur nach Zylinder, Kugel und Kegel behandeln“. Damit meinte er  keine Vereinfachung aus Bequemlichkeit, sondern eine strukturelle  Durchdringung der Erscheinung.

In  seinen Bildern zerlegt Cézanne den Raum in Farbfelder, moduliert  Volumen über Farbe statt über Licht-Schatten-Modellierung. Der  Gegenstand bleibt vorhanden, verliert aber seine Funktion als Motiv.

Das Bild wird zum Denkmodell:
Wie entsteht Raum auf der Fläche? Wie tragen Farben Struktur?

Kubismus,  Konstruktivismus und schließlich abstrakte Malerei bauen genau hier  auf. Cézanne malt noch Äpfel und Berge, aber er denkt bereits abstrakt. 

Was ist das „erste abstrakte Bild“?

Oft wird Wassily Kandinsky  genannt, insbesondere seine Aquarelle um 1910. Kandinsky selbst  datierte später ein Werk als „erstes abstraktes Bild“. Ob diese  Zuschreibung haltbar ist, wird bis heute diskutiert. Es gibt frühere  Werke der schwedischen Malerin Hilma af Klint, die klar gegenstandslos  sind, aber zu Lebzeiten nicht ausgestellt wurden.

Die  Fixierung auf ein erstes Bild greift zu kurz. Abstraktion entsteht  nicht als plötzlicher Bruch, sondern als Verschiebung von Prioritäten.  Gegenstand, Farbe und Form lösen sich schrittweise voneinander.

Entscheidend ist nicht das Datum, sondern die Haltung der Künstler und die Zeit. 

Warum wollten Künstler den Gegenstand verlassen?

Nicht aus Ablehnung,  sondern aus Unzufriedenheit und der zutiefst menschlichen Suche nach der  Grenze des noch Fassbaren. Der Gegenstand band zu viel Bedeutung an  sich. Ein Baum war immer ein Baum, ein Porträt immer eine Person.  Künstler begannen zu spüren, dass Farbe, Linie und Rhythmus eigene  Aussagekraft besitzen, unabhängig vom Motiv.

Ein  berühmtes Zitat von Oskar Wilde sagt: „Ich widerstehe allem, außer der  Versuchung“. Auch die Maler standen vor einer neuen Versuchung der  chemischen Industrie: vor einer Vielzahl neuer, leuchtender Tubenfarben.

Das Thema wurde nicht mehr zum „Was“, sondern zum „Wie“:
Wie wirkt eine Farbe neben einer anderen?
Wie erzeugt eine Linie Spannung?
Wie organisiert sich ein Bild ohne erzählerisches Zentrum?

Abstrakte Kunst verlagert Bedeutung vom Dargestellten auf das Wahrgenommene.  

Woher kommen die Namen?

Begriffe wie Abstraktion,  Gegenstandslosigkeit, ungegenständliche Kunst sind Hilfskonstruktionen.  Sie entstanden oft nachträglich, um Phänomene zu ordnen. Künstler selbst  dachten selten in Schubladen. Kandinsky sprach von innerer  Notwendigkeit, Mondrian von universeller Harmonie, Malewitsch von  Empfindung.

Die Vielfalt der Begriffe zeigt: Abstrakte Kunst ist kein einheitliches Programm.

Ausblick auf die kommenden Artikel

Dieser Text versteht sich als Übersicht. Einzelne Strömungen verdienen eigene Betrachtungen:

* Der Abstrakte Expressionismus als Malerei der Geste und Entscheidung
* Farbfeldmalerei als Erfahrung von Raum und Zeit
* Konstruktive Abstraktion und ihr Verhältnis zur Architektur 

Inhaltlich Verantwortlicher gemäß § 18 Abs. 2 MStV ist,                      

Gerhard Marquard, Josef-Kloo-Str. 1 B, 86899 Landsberg am Lech, Februar, 2026

Mein Text darf ohne meine schriftliche Erlaubnis  nicht in Kursen o.ä. verwendet werden. Auf Sozialen Medien darf dieser  Artikel ohne Erlaubnis geteilt werden.                     

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